Geschrieben von Lonicera am 11.10.2011 um 17:21:
Schwarzfahren abgeschafft
In ihrem Wahlprogramm für Berlin formulierte die Piratenpartei u. a. die mittelfristige Forderung nach einem "fahrscheinlosen gemeinschaftlich finanzierten ÖPNV (Örtlichem Personen-Nahverkehr)".
Da mir die immer "dicker" werdende Luft der Hauptstadt Atemprobleme bereitet (und ich deshalb seit Jahren auf familiäre Besuche oder Einkaufsbummel verzichte) fand ich den Vorschlag durchaus sympathisch. Aber leider auch ziemlich unrealistisch.
Doch in der belgischen Stadt Hasselt hat man das Experiment kurz entschlossen gewagt und fährt im wahrsten Sinne des Wortes gut damit.
Allerdings ist die Größenordnung nicht vergleichbar: Hasselt hat 70.000 Einwohner, Berlin dagegen immerhin rd. 3,5 Millionen.
Aber immerhin - die Richtung stimmt erst mal.
Oder, wie es der engagierte Hasselter Bürgermeister formulierte: "Wir brauchen keine neuen Straßen, wir brauchen neue Denkwege!"
http://www.linksfraktion.de/clara/system-ausser-kontrolle/schwarzfahren-abgeschafft/
Geschrieben von Lonicera am 12.10.2011 um 14:17:
Na ja, die Berliner "Piraten" wollen ihr Vorhaben, soweit ich mich erinnere, durch eine allgemeine Abgabe finanzieren, die dann auch Nicht-Auto-Fahrer zu erbringen hätten.
Und die bedauernswerten Motorisierten würden dann letzten Endes doch allerhand Treibstoffkosten sparen können, denke ich mal.
Außerdem - um beim Beispiel Hasselt zu bleiben - stände sicher der Verzicht auf das eine oder andere millionenschwere neue Verkehrsprojekt zur Diskussion - und ich meine damit keineswegs die Erhaltungs- und Reparaturmaßnahmen an Straßen oder den Bau von Radwegen.
Generell außerdem: Geld ist im Staats- bzw. Stadtsäckel genügend vorhanden - es kommt nur auf die Verteilung an.
Und die ist bekanntlich in sehr vielen Punkten kritikwürdig, ohne dass ich näher darauf eingehe.
Grundsätzlich geht es hier aber doch um die Rolle des ÖPNV in dieser Gesellschaft.
Es ist ja kein Geheimnis, dass ich den Großteil meines Lebens in der DDR verbracht habe, der (so zu sagen als eine von "Sieben Todsünden"

) vorgeworfen wird, dass sie der Bevölkerung viel zu wenig Autos (und selbst dies sehr teuer und erst nach extrem langen Wartezeiten) zur Verfügung stellen konnte oder wollte.
Und statt dessen mit beträchtlichem Erfolg auf den bedarfsgerechten Ausbau und die preiswerte Gestaltung des ÖPNV setzte.
Was selbst den "Spiegel" noch im Jahre 1992 (heute darf das alles natürlich nicht mehr wahr sein) am
Beispiel Jenas zu einem Stoßseufzer wie diesem veranlasste:
"Das System von Bussen und Bahnen in Ostdeutschland,
einst Vorbild auch für den Westen, steht vor dem Zusammenbruch. ...
Die DDR-Bürger wurden rund um die Uhr mit Bussen und Straßenbahnen bedient, vom Ost-Takt können westdeutsche Fahrgäste nur träumen. ...
Die Fahrpreise machten den Arbeiter-und-Bauern-Staat wenigstens zu einem Paradies für Bus- und Tram-Passagiere: Vom Anfang bis zur Wende kostete ein Grundfahrschein zwölf Pfennig.
Damit deckten die Verkehrskombinate aber nur 13 bis 15 Prozent ihrer Kosten, den Rest legte die Regierung drauf."
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13687925.html
In
Erfurt - meinem Jahrzehnte langen Wohnort - war es teurer, da kostete ein Fahrschein zuletzt 20 Pfennige.
Und selbst in
Rostock erinnert man sich noch dieser mittlerweile bereits legendären Verhältnisse, wie ein Ausschnitt aus der dortigen SDAJ-website belegt:
"Wenn man hört, dass zu DDR-Zeiten eine Straßenbahnfahrkarte 10 bis 20 Pfennig gekostet hat und das noch in D-Mark umrechnet ist man so gut wie kostenlos, was viele auch durch den Nichtkauf einer Fahrkarte taten, von A nach B gekommen."
http://www.sdaj-netz.de/2011/02/rostock-offentlicher-personennahverkehr-muss-bezahlbar-bleiben/
Also, wie gesagt: Ein funktionierender, preiswerter bzw. praktisch kostenloser ÖPVN ist durchaus möglich, und er wäre zur Verbesserung der Umwelt- und Lebensbedingungen gegenwärtig wichtiger denn je!
Allerdings müsste dazu der politische Wille vorhanden sein.
Und der ist zumindest bei den Regierungsparteien leider nicht zu erkennen.